Die Kunst der “unaufdringlichen Differenz“
Ein Gespräch mit dem Zürcher Komponisten und Pianisten Nik Bärtsch .
Der grosse Erfolg von Sofia Coppolas Film «Lost in Translation» hat das Bild, das sich der Wesen von Japan macht, stark geprägt. Deckt sich dieses Bild mit den Eindrücken, die Sie in Japan gesammelt haben?
In diesem Film erscheint Japan als kuriose Kulisse für westliche Verwirrte auf der Suche nach sich selbst ist. Es wird ein Japanbild vermittelt, das voller Klischees und westlicher Projektionen steckt und die Japaner müssen als skurile Figuren diese pubertäre Selbstfindung bebildern. Ich mochte den Film allerdings mehr wegen dem lahmen Rhythmus nicht. Die grosse Sehnsucht vieler westlicher Bohèmiens nach Leere und Langsamkeit - die man dann in Japan zu finden glaubt - äussert sich sowohl in der Machart wie in der Rezeption des Films. Als ich in Japan war, kam mir umgekehrt aus der Ferne die Schweiz als kurioses Durcheinandertal vor. Wir Schweizer, die wir in einem der sichersten Länder der Welt leben, machen uns ständig Sorgen um unser Wohlbefinden in allen möglichen Bereichen. Der Jammerfaktor ist enorm hoch, wir zeigen oft zu wenig Risikobereitschaft und Wachheit, weil uns vor lauter Wohlstand das Bewusstsein für die Kostbarkeit von dem, was wir haben, abhanden gekommen ist. In Japan ist der Mensch der Natur enorm ausgeliefert - nicht von ungefähr ist ein Vulkan, der Mount Fuji, das Wahrzeichen dieses Landes, in dem Jeder jederzeit mit einem Erdbeben rechnen muss. Trotzdem herrscht keine Katastrophenstimmung, vielmehr spürt man eine Naturverbundenheit und Haltung, die von Gelassenheit geprägt ist.
Zivilisationsmüde Seelen sehen im Zen-Buddhismus eine attraktive Alternative zum sinnentleerten Materialismus des Westens. Auch Sie befassen sich seit längerem mit Zen. Steckt da ein Moment der Weltflucht dahinter?
Sicher nicht. Ich verfolge meine Affinitäten, die ich ja z.B. auch zum Funk habe, bedingungslos aber selbstironisch. Mich treibt keine Sehnsucht nach dem Anderen. In dieser Hinsicht fühle ich mich nahe bei Dürrenmatt. Max Frisch wurde ja von der Sehnsucht, einer grossen Nation angehören zu wollen, umgetrieben. Dürrenmatt hat sich hingegen nicht für seine Herkunft geschämt und die Eigenheiten der Schweiz geschätzt und kultiviert. Zen hat für mich übrigens viel mehr mit Philosophie zu tun als mit Religion: mit praktischer Philosophie. Eine Zen-Sentenz besagt: “Verstehen ist einfacher als Üben."
Im europäischen Jazz gilt die Ausrichtung an amerikanischen Vorbildern zum Teil noch heute als “non plus ultra". Sie gehen gewissermassen den umgekehrten Weg und orientieren sich nicht am “wilden Westen", sondern am “fernen Osten". Steckt aber hinter Ihrer Japanophilie nicht genauso eine devote, epigonale Haltung wie hinter dem New-York-Fetischismus?
Es gilt zuerst festzuhalten, dass die Ritual Groove Music (RGM) nicht primär von ritualistischen Praktiken japanischer Provenienz inspiriert ist. Bei meinen Auftritten in Japan habe ich aber gemerkt, dass die Japaner sofort einen eigenen Zugang zur RGM zu finden. Sie lieben zeremonielle Zeichen und kleine Rituale, auch wenn sie den Sinn dahinter vielleicht nicht verstehen. Und sie haben durch ihre Tradition ein ausgeprägtes Empfinden für den musikalischen Raum. In der RGM spielt der Sog des Raums eine wichtige Rolle. Durch Repetionen und kleine Variationen entsteht ein musikalischer Raum, der durch seine “unaufdringliche Differenz" beim Zuhören sowohl kontemplative Konzentration als auch zielloses Umherschweifen ermöglicht. Hier bestehen sicherlich Berührungspunkte zur japanischen Kultur.
Der Begriff der “unaufdringlichen Differenz" stammt aus einem Aufsatz von Hans Ulrich Gumbrecht, den wir beide - unabhängig voneinander - vor diesem Gespräch gelesen haben. Lustigerweise liess uns dabei scheinbar derselbe Satz aufhorchen. Er lautet: «Eben identische Formen immer neu zu produzieren, mit einer unaufdringlichen Differenz vielleicht, die auf das in die Reproduktion investierte Können verweist, ist - in maximalem Gegensatz zum westlichen Originalitäts-Ehrgeiz - das Ziel allen Gestaltens in der japanischen Kultur.»
Man wirft ja den Japanern oft vor, sie würden einfach nur alles kopieren. Das ist sicherlich nicht ganz falsch, hat aber auch mit dem Respekt gegenüber westlicher Kultur zu tun. Mit diesem Respekt ist allerdings auch der Ehrgeiz verbunden, es besser zu machen. Dieser Ehrgeiz manifestiert sich manchmal auch in Form eines übersteigerten Nationalismus. So wird eine Tugend zu einer Untugend. Die Japaner kopieren jedoch nicht nur, sie sind auch Veredler. Und vor allem: die einzigen "rückwärts Veredler". Bei aller Virtuosität im Handwerklichen gilt der Schritt zurück zum Einfachen und Rohen nämlich als grosse Kunst. Das sieht man etwa bei einem Vergleich zwischen chinesischen und japanischen Teetassen. Bei Letzteren entdeckt man immer kleine “Fehler", die jede Tasse zu einem Unikat machen. Auch hier begegnet man also wieder der “unaufdringlichen Differenz".
Was an Japan irritiert, sind die enormen Gegensätze. Für viele westliche Beobachter bleibt das Land ein Rätsel.
Dieses Rätselhafte und die unzähligen Missverständnisse, darunter auch kreative, die daraus entstehen können, finde ich gerade sehr interessant. Man ist eben gerade nicht "Lost in Translation" - Japan ist für jeden Semioten ein Paradies. Ich bin überzeugt davon, dass wir sehr viel von anderen Kulturen und sie von uns lernen können. Es gibt auf dieser Welt ebenso wenig ein Reich des Bösen wie es ein Reich des Guten gibt. Es gibt einfach unterschiedliche Arten, wie die Menschen Kulturen und Netzwerke, “communities" geformt haben. Ich bin ja kein eigentlicher Japankenner, ich kann nur Phänomene beschreiben, wie ich sie wahrnehme. Das Eigen- und Einzigartige an der japanischen Zivilisation hat ganz sicher auch mit der Geschichte und der Insellage dieses Landes zu tun: Nationaler und kultureller Raum waren ja über sehr lange Zeit deckungsgleich. Heute spürt man in Japan eine enorme Spannung zwischen der archaischen Tradition und einer futuristischen Moderne, eine Gegenwart scheint es nicht zu geben. Zu diesem Thema gibt es in Japan selbst immer wieder heftige Debatten. Andererseits haben die Japaner viel weniger Probleme mit Mehrdeutigkeiten und Paradoxien als wir. Diese sind sogar ein fester Bestandteil ihrer Kultur. So lassen sich z.B. die Kanji, die japanischen Schriftzeichen, nicht immer eindeutig dechiffrieren. Ihre Mehrdeutigkeit gilt als Qualität. Japan bleibt für uns oft auch ein Rätsel, weil wir uns zu viele Gedanken machen. Die Suche nach Emphase und intellektueller Tiefe ist ein typisch europäisches Phänomen. In Japan braucht es nicht unbedingt ein tiefgründiges Gespräch, um Anteilnahme zu zeigen, es genügt ein gemeinsamer Spaziergang, auf dem man schöne Blumen betrachtet.
Wenn es darum geht, von anderen Kulturen zu lernen, dann stellt sich für Sie als Künstler doch auch die Frage nach der Authentizität. Wo fängt das wahre Verständnis für eine andere Kultur an, wo haben wir es bloss mit einem billigen folkloristischen Abklatsch zu tun?
Dazu fällt mir ein Erlebins ein. Im Sony-Center in Berlin besuchte ich vor kurzem anlässlich der Berlinale einen Japan-Abend. Geboten wurde ein tumultöses Durcheinander aus Archaik und Glamour. Nach dieser kunterbunten Kommerzveranstaltung besuchte ich den Iaidoka (japanischer Schwertkampf) Martin Krahl, der noch nie in Japan war, sich aber seit vielen Jahren mit japanischer Kultur befasst. Im Schwertkampf hat er es zu grosser Meisterschaft gebracht. In seiner Wohnung sah ich ein von ihm gestaltetes Ikebana-Arrangement, das viel mehr “spirit" hatte als der unsägliche Anlass im Sony-Center. In gewissen Jazzkreisen geistert ja immer noch die Vorstellung herum, dass nur ein Schwarzer aus dem Getto richtig Jazz spielen könne. Schnell schleicht sich der Rassismus durch die Hintertür herein...
Man denke nur an Joe Zawinul, der in Wien aufwuchs und in den USA an der Seite von Musikern wie Cannonball Adderley und Miles Davis für Furore sorgte, bevor er mit Wayne Shorter die Gruppe Weather Report ins Leben rief.
Das einzige, was mich an Zawinul stört, ist, dass er sich in Interviews immer für seine Herkunft rechtfertigen zu müssen glaubt. Das ist absolut unnötig. Er phrasiert nämlich dem Teufel ein Ohr ab - ob er also aus Timbuktu oder Hasle-Rüegsach kommt, ist mit egal.
Die “community" spielt für Sie eine grosse Rolle. Die RGM entwickeln Sie mit einem festen Stamm von Musikern, mit denen Sie seit vielen Jahren eng verbunden sind. Hat für Sie der Gedanke der “community" aber auch noch eine übergeordnete Bedeutung?
In der Schweiz taucht historisch gesehen schon früh der Begriff der “communitas" auf. Es gibt da also eine lange Tradition, an die man anknüpfen kann. Als Künstler sollte man sich klar darüber sein, dass freie Kunst nur dank der Demokratie möglich ist. In der Hirschhorn-Ausstellung war der Satz zu lesen: «Die Kunst ist die Anti-These zur Demokratie.» Das sehe ich dezidiert anders. Hierzulande ist die Kunst des Schmiedens von kreativen Kompromissen leider in Verruf geraten, aber genau darum geht es, wenn man auch kritische Situationen differenziert bewältigen will. Bei der Auseinandersetzung um die Hirschhorn-Ausstellung ist von Anfang an alles schief gelaufen. Die Devise lautete “alle gegen alle", es fand keine richtige Kommunikation statt, statt dessen sind diverse Narzissmen aufeinandergeprallt. Auch viele Künstler haben in dieser Situation den Kopf verloren. So löst man keine Probleme.
Nach dem Hirschhorn-Skandal sind die Stimmen lauter geworden, die eine Abschaffung der Kulturförderung fordern.
Kultur ist etwas Urmenschliches. Was Michel Foucault über die Macht herausgefunden hat, gilt auch für das Phänomen Kultur: es gibt keine kulturlose Sphäre. Kultur steckt in allem: vom Zahnbürstchendesign bis zur Symphonieorchester. Kultur ist daher auch nicht einfach Luxus. Auseinandersetzung mit Kultur und damit auch Kulturförderung ist also nichts als logisch. Für mich ist die Kultur ebenso Teil des Staates wie z.B. die Bahn-Infrastruktur oder die Sozialvorsorge. Das heisst nicht, dass man als Künstler automatisch Anrecht auf Förderung hat. Ich bin skeptisch gegenüber dem Giesskannen-Prinzip und plädiere für eine gezielte Förderung, denn nur wer gezielt fördert bzw. gezielt geförert wird, ist auch kritisierbar. Das fördert die Debattenkultur und damit die lebendige Auseinandersetzung. Das grösste Problem der Schweiz ist nicht das mangelnde Geld für die Förderung, sondern der kleine Binnenmarkt. Für uns Künstler muss dies bedeuten, uns risikobereit und innovativ international zu vernetzen. Die Schweiz kann sich ruhig wieder auf ihre alten Tugenden besinnen: hart, präzis und innovativ zu arbeiten.
Der 1971 geborene Zürcher Komponist und Pianist Nik Bärtsch widmet sich seit einem halben Jahrzehnt beinahe ausschliesslich der Entwicklung seiner Ritual Groove Music (mit den Gruppen Mobile und Ronin; Solo; Kurator der Konzertreihe «Montags» im Bazillus in Zürich; Auftragskompositionen für diverse Ensembles). Dabei gelingt es ihm, gleich mehrere Spannungsfelder kreativ zu nutzen und gewissermassen zu transzendieren: Askese versus Ekstase; E versus U; Funk-Power versus Zen-Gelassenheit etc. Bärtsch bestreitet nicht nur Auftritte in Clubs und an Festivals, sondern konzipiert auch aufwändige, spartenübergreifende Rituale, die eine ausgeprägte Affinität für fernöstliche Ästhetik verraten.
