Der Geschmackszüchter
Zurück aus Japan: Der Pianst Nik Bärtsch spielt Zen-Funk.
Dass man sich an einem Ort zugleich fremd und wohl fühlen kann, durfte Nik Bärtsch während seines Aufenthalts in Japan in immer wieder neuen Konstellationen erfahren. Bärtsch lebte ein halbes Jahr in Kobe – nicht in einem anonym-klaustrophobischen Wohn-Käfig, sondern in einem alten Haus mit Schiebewänden und einem Garten, wo er die innige Verschränkung von Natur und Kultur geniessen konnte. Nun sitzt der 33-jährige Musiker in der Küche seiner sparsam eingerichteten Mietwohnung unweit des Zürcher Bahnhofs, nippt an einem Grüntee und zieht Bilanz: «Dass ich meinen Lebensentwurf gut in den japanischen Kontext übersetzen konnte, hat mich ungemein bestärkt.»
Die Destination Japan hat Bärtsch mit Bedacht gewählt. Bärtschs Faszination für Fernöstliches geht auf Akira Kurosawas Film «Ran» zurück, den er im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal sah. Später liess er sich von seiner Mutter in die Zen-Meditation einführen. Wer nun in Bärtsch, der am Konservatorium Klavier und an der Uni ein paar Semester Philosophie studierte, einen esoterischen Zivilisationsflüchtling vermutet, täuscht sich, dafür ist er ein viel zu ironischer und wendiger Denker. So geht es ihm zum Beispiel nicht darum, die spirituelle Archaik des Noh-Theaters zu kopieren respektive zu verwässern, sondern sich von ihrem Irritationspotenzial inspirieren zu lassen. Überhaupt sei davor gewarnt, den japanischen Einfluss überzubewerten: Strawinsky, Morton Feldman, Steve Reich und James Brown standen bei der Entwicklung von Bärtschs Ritual Groove Music ebenso Pate.
Bärtsch hat kein Interesse daran aufzuzeigen, wie oberflächlich die Oberfläche ist, vielmehr will er «das Elementare aus einer aktuellen Sicht» präsentieren. Dem post-modernen «anything goes», als dessen musikalische Apotheose die irrwitzigen Collagen von John Zorn gelten dürfen, setzt er eine «schlaue, listige Einfachheit» entgegen. Damit grenzt er sich auch vom Spontaneitätskult des Jazz ab: Bärtsch ist kein Töneverschwender, Freiheit setzt für ihn Klarheit und Ordnung voraus, zur Ekstase gelangt er durch Askese. Für Bärtsch ist Reduktion, so lesen wir in einem Beitrag zu einer Studie des deutschen Musikwissenschaftlers Peter Niklas Wilson, «eine der grossen interessanten Neuerungen in der Musik ab dem 20. Jahrhundert und bis heute in allen möglichen Stilrichtungen eine Alternative zu Erzähldrang, assoziativer Beliebigkeit oder Glaube an Qualität durch Komplexität». Und an anderer Stelle heisst es: «Das Schwierigste ist, am richtigen Ort nichts zu tun. Einfachheit ist oft komplexer als Komplexität.»
Auf die Frage, was ihm in Japan am meisten gefehlt habe, antwortet Bärtsch: «Die Community, also in erster Linie meine engen musikalischen Weggefährten. Für mich ist es unabdingbar, meine Musik über einen längeren Zeitraum mit festen Bands entwickeln zu können.» Diese Bands sind die akustische Formation Mobile, mit der Bärtsch abseits des konventionellen Konzertbetriebs multimediale Rituale inszeniert, und die elektrifizierte Combo Ronin (so hiessen im alten Japan die herrenlosen Samurai), die als flexible Clubband funktioniert und mit der er auch in Schaffhausen zu hören sein wird. Mit beiden Gruppen (und auch als Solist) spielt Bärtsch eine Musik, die vornehmlich auf Modulen basiert, die teilweise kombinierbar sind: «Module sind klar auskomponierte musikalische Bausteine, die je nach Kompetenz der aktuellen Interpreten belebt werden können.» Beim Komponieren lässt sich Bärtsch am Anfang von Intuition und somnambulem Intellekt leiten. Danach gehe es darum, das musikalische Material zu befragen. Mit Debussy ist Bärtsch der Überzeugung, dass jedes Stück ein System habe, das sich allerdings erst im Laufe des Schaffensprozesses offenbare. Komponieren ist für Bärtsch zu einem gleichermassen normalen und essenziellen Bestandteil seines Alltags wie Essen und Trinken geworden. Dabei gehe es auch darum, den Geschmack weiterzuzüchten.
Dass Bärtschs Alben auf dem von Don Li ins Leben gerufenen Label Tonus-Music-Records erscheinen, hat durchaus seine Richtigkeit. Die beiden sind hierzulande die wichtigsten Protagonisten einer neuen «minimalistischen» Strömung. Ihre Musik erlaubt es uns, unsere Ohren neu einzustellen und ein Sensorium für Nuancen und kleine Veränderungen zu entwickeln. Ein zentrales Anliegen von Bärtsch ist es, Stimmungen zu kreieren, die sowohl sinnliches Nachdenken anregen als auch ein Groove-Sucht-Potenzial auslösen. Spannung wird hier nicht weder durch halsbrecherische Virtuosität noch durch abrupte Stimmungsumschwünge generiert, sondern durch repetitive Hartnäckigkeit und Fokussierung auf klangliche Details.
2004
