Viel Schönheit, ein bisschen Chaos

Der Norweger Arild Andersen zählt zu den herausragenden Bassisten des modernen Jazz: Er ist auf einer neuen, enorm abwechslungsreichen Trio-CD und einem retrospektiven Album mit Aufnahmen aus den Jahren 1975 bis 1999 zu erleben.

Tom Gsteiger

Für einen Bassisten hat Arild Andersen eher ungewöhnliche Vorstellungen: «Mein Ideal ist eine Band, die keinen Bassisten braucht.» Andersen sehnt sich nicht etwa danach, sein Instrument in die Ecke zu stellen. Im Gegenteil: Ihm geht es darum, als Bassist nicht auf die Rolle des Begleiters festgelegt zu werden. Er will nicht brav durch die Harmonien marschieren (die traditionelle Begleittechnik wird im Jazz «Walking» genannt), sondern an einem musikalischen Dialog teilnehmen, bei dem es keine Hierarchien gibt. Andersen bringt das Kunststück fertig, eine agile Expressivität mit einem runden, voluminösen Sound zu verbinden.

Andersen sagt: «Ich mag schöne Melodien und mir gefällt es, wenn die Musik befreit fliesst. Manchmal brauche ich aber auch das Chaos.» Auf exemplarische Weise fliessen diese beiden Seiten in einem kooperativen Trio zusammen, zu dem neben dem norwegischen Meisterbassisten der dänische Pianist Carsten Dahl und der französische Schlagzeuger Patrice Heral gehören. Das stilistische Spektrum dieser Gruppe reicht von schwelgerisch-melodiösen Hymnen bis zu Kollektivimprovisationen, wobei das Klangbild zuweilen durch Sampling und Live-Elektronik angereichert wird. Nach dem Debüt «The Sign», das aufhorchen liess, war man auf die Fortsetzung gespannt. Mit «Moon Water» (Stunt Records) enttäuscht das Trio die hoch gesteckten Erwartungen nicht: Es flippt zwar nicht mehr so viel aus, dafür hat die Musik an klaren Konturen gewonnen.

Riecher für Talente

Der 1945 geborene Andersen hat sich das Bassspiel zum grössten Teil selber beigebracht; als wichtige Vorbilder nennt er Gary Peacock, Richard Davis, Miroslav Vitous und Jaco Patorius. Früh stiess er zu einem kleinen Zirkel norwegischer Musiker, die eine eigene Variante von freiem Jazz entwickelten. «Wir waren damals nicht so sehr von Miles Davis oder John Coltrane beeinflusst, sondern von Albert Ayler, Archie Shepp, Paul Bley und dem Art Ensemble of Chicago», erinnert sich Andersen, der 1970 an der Seite des Saxofonisten Jan Garbarek an der Einspielung der Platte «Afric Pepperbird» beteiligt war, mit der eine neue Epoche im nordischen Jazz eingeläutet wurde. Dieses Album war der erste, aber wahrlich nicht letzte von Manfred Eicher für das Label ECM produzierte Meilenstein.

Fünf Jahre nach «Afric Pepperbird» gab Andersen mit «Clouds In My Head» seinen Einstand als Leader auf ECM. Nach einer Phase, in der er sich in New York im Trio des Saxofonisten Sam Rivers der Kraft von Energieströmen hingegeben und im Duo mit der Sängerin Sheila Jordan die Welt der Standards durchstreift hatte, begann für Andersen mit «Clouds In My Head» die Suche nach einer eigenen kompositorischen Sprache. «Ich muss die Musiker kennen, für die ich komponiere. Mit meinen Stücken stelle ich ihnen eine Schanze zur Verfügung und ich sorge für eine sichere Landung, für den Flug dazwischen sind sie selbst verantwortlich», umschreibt der Bassist sein Credo.

Als einer von bisher zwanzig Musikern durfte Andersen eine CD mit «Selected Recordings» für die Rarum-Reihe des Labels ECM kompilieren. Er hat 13 Nummern aus einem Vierteljahrhundert ausgewählt und diese nach atmosphärischen Gesichtspunkten geordnet, was dem Album eine stimmige Dramaturgie verleiht. Andersens Riecher für aussergewöhnliche Talente lässt sich an der Tatsache ablesen, dass er immer wieder Musiker in seine Bands holte, die später mit eigenen Projekten von sich reden machten: Zu nennen wären hier Jon Balke, Nils Petter Molvær und Bugge Wesseltoft. Seine jüngste Entdeckung hat Andersen in Griechenland gemacht, wo er 1996 auf den damals 30-jährigen Vassilis Tsabropoulos traf. Mit diesem klassisch ausgebildeten Pianisten, der auch ein subtiler Improvisator ist, und dem britischen Schlagzeuger John Marshall hat Andersen für ECM zwei unspektakulär schöne Alben aufgenommen.

2004