Die Ikonensammlerin
Geri Allen könnte einem Roman von Toni Morrison entsprungen sein, zählt sie doch zu den starken afro-amerikanischen Frauengestalten des Jazz. Im Vergleich zu ihren Vorläuferinnen hat sich Allen nie benachteiligt gefühlt. Auf ihrem neuen Album «The Life of a Song» präsentiert die Pianistin ein Trio mit Dave Holland und Jack DeJohnette.
Nach einer 6-jährigen Pause legt Geri Allen endlich wieder ein Album vor. Sechs Jahre sind im Musikgeschäft eine halbe Ewigkeit. Diese lange Wartezeit wirft Fragen auf. Ist Allen die Inspiration ausgegangen? Oder hat sie ihre Tätigkeit als Musikprofessorin derart in Beschlag genommen, dass keine Zeit blieb für Aufnahmen? Allens Antwort fällt pragmatisch aus. Viele Jazzlabels würden sich heutzutage lieber der Pflege des Katalogs widmen, als lebende Künstler zu fördern, gibt sie zu Bedenken und fügt hinzu: «Es war für mich wichtig, eine Firma zu finden, wo ich mich gut aufgehoben fühle.»
Optimale Unterstützung für ihr neues Album, «The Life of a Song», erhielt Allen nicht nur von dem Label Telarc (MV), sondern auch von ihren Mitmusikern, dem Bassisten Dave Holland und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette (mit ihnen begleitete sie 1993 die Sängerin Betty Carter). «Obwohl sie sehr beschäftigt sind, haben sie sich Zeit genommen, um mit mir zu proben. Die Proben fanden in einem Klaviergeschäft in New York statt. Vom ersten Ton an entwickelte die Musik eine mitreissende Frische. Dave und Jack haben auch Vorschläge gemacht. Es war eine sehr kollektive Angelegenheit», führt Allen begeistert aus. Mit «LWB‘s House» startet das Album fulminant (das Stück ist den drei Kindern gewidmet, die Allen mit ihrem Mann, dem Jazztrompeter Wallace Rooney, auf die Welt gestellt hat). Weitere Highlights sind «Black Bottom» und «An Appreciation: A Celebration Song», das mit Rosa Parks einer Frau gewidmet ist, die mit ihrem Mut die Bürgerrechtsbewegung beflügelte.
Woher bezieht Allen die Inspiration beim Komponieren? «Verschiedene Stücke entstehen auf verschiedene Arten. Es kann sogar vorkommen, dass ich eine Idee für ein Stück träume», sagt Allen. Sie gibt ein paar konkrete Beispiele: Der Ausgangspunkt für «LWB‘s House» sei afrikanische Kora-Musik gewesen, bei «Black Bottom» habe sie sich die Aufgabe gestellt, einen «soulful blues with a modern edge» zu schreiben, und der «Celebration Song» basiere auf einer Basslinie, die von Motown-Funk inspiriert sei. Der Bezug zur Motown-Musik kommt nicht von ungefähr: Allen ist in Detroit aufgewachsen, und obwohl sie seit langem in New York wohnt, fühlt sie sich diesem Background nach wie vor verpflichtet.
Abgerundet wird das Repertoire auf «The Life of a Song» von drei Jazz-Klassikern: Billy Strayhorns «Lush Life», Bud Powells «Dance of the Infidels» und Mal Waldrons «Soul Eyes» (für dieses Stück stösst ein 3-köpfiger Bläsersatz zum Trio). Für Allen ist der Bop-Pianist Powell das Bindeglied zwischen Lil Hardin Armstrong, die sie als erste moderne Pianistin des Jazz bezeichnet, und Herbie Hancock, der in den letzten Jahren zu ihrer Hauptinspirationsquelle geworden zu sein scheint (das Titelstück des neuen Albums ist ihm gewidmet). Diese Sicht der Dinge erfordert eine Erklärung, wird Lil Hardin in den meisten Jazzbüchern doch nur kurz gestreift, weil sie mit Louis Armstrong verheiratet war. Für Allen ist klar: «Sie erkannte Armstrongs Potenzial. Die legendären Hot Five: das war ihre Band! Sie stellte die Musiker zusammen. Sie hatte das Konzept. Und als Pianistin setzte sie die linke Hand sehr sparsam ein, was ungewöhnlich war zu ihrer Zeit, aber später zum Normalfall wurde.» Für Allen ist Lil Hardin nicht die einzige Frau, die im Jazz eine wichtige Rolle spielte, ohne gebührend anerkannt zu werden. Als weiteres Beispiel einer unterschätzten Innovatorin nennt sie Mary Lou Williams, die sie in Robert Altmans Film «Kansas City» verkörperte.
Und Allen selbst, hatte sie nie gegen Vorurteile anzukämpfen? «Ich wurde eigentlich immer gleich behandelt wie die anderen Mitglieder einer Band. Ich habe mich nie fehl am Platz gefühlt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich mir schon sehr früh sagte: Ich habe das Recht, ein Teil der Szene zu sein», antwortet Allen, die auch das Glück hatte, zur richtigen Zeit den richtigen Leuten über den Weg zu laufen. Die Pianistin misst der Zusammenarbeit mit Musikern, die «iconic status» besitzen, besondere Bedeutung zu: «Dadurch dringt man viel tiefer in die Musik ein. Man lernt, der Musik zu dienen und nicht sein Ego in den Vordergrund zu stellen.» Tatsächlich ist Allen eine fleissige «Ikonensammlerin», so ist sie im Trio mit Charlie Haden und Paul Motian aufgetreten, hat in Ornette Colemans Quartett mitgewirkt und ein Album, «Twenty-One» (Blue Note), mit Ron Carter und Tony Williams aufgenommen. Als Carter und Williams die Band von Miles Davis verliessen, hiessen ihre Nachfolger übrigens Holland und DeJohnette.
2004
