Befreiung vom Beat

Der Jazzschlagzeuger Rashied Ali ist 2009 im Alter von 74 Jahren gestorben

Tom Gsteiger

Die extrem engergiegeladene, frei fliessende Musik, die John Coltrane von 1965 bis zu seinem Tod zwei Jahre später spielte, spaltet die Geister immer noch. Der Schlagzeuger Rashied Ali, der damals zu Coltranes Band gehörte, ist nun zu seiner Reise in den «Interstellar Space» angetreten.

«Interstellar Space» ist ohne Zweifel eines der wichtigsten und berühmtesten Alben in der Diskografie von Ali, eine intensive, teilweise hochabstrakte Duo-Aufnahme mit Coltrane, der seinem Tenorsaxofon schreiende Spaltklänge und turbulente Tonkaskaden entlockt: eine Beschwörung des Jenseits im Diesseits. Über Coltrane sagte Ali: «Er war mein Guru. Für mich war er Saint Coltrane. Er wurde uns geschickt, um uns den Weg zu weisen.»

In den umstürzlerischen 60er-Jahren wurden im Jazz viele zuvor sakrosankte Regeln mit Gusto über den Haufen geworfen. Ali war Teil einer Schar subversiver Schlagzeuger, die sich immer weiter vom Beat, also vom Grundrhythmus, entfernten, um schliesslich zu einer total vom Beat befreiten Rubato-Spielweise zu finden, in der sich die Energie in unregelmässigen Wellenbewegungen entlädt (gewisse Aspekte von Alis Stil werden heutzutage von jungen Schlagzeugern wie Nasheet Waits oder Tyshawn Sorey weiterentwickelt).

Ali gab dieser freien Spielweise auch nach seiner Zeit bei Coltrane den Vorzug und liess seine Qualitäten als unkonventioneller Time-Player nur selten aufblitzen. In New York leitete er einen eignene Loft-Club. Sehr beeindruckende Aufnahmen machte er mit der Gruppe Phalanx, zu der George Adams (Tenorsax), James Blood Ulmer (Gitarre) und Sirone (Bass) gehörten. In den letzten Jahren war die Förderung junger Talente ein wichtiges Anliegen von Ali, was auch bei seinem Auftritt an den Langnau Jazz Nights 2007 zum Ausdruck kam.