Viel Geist, wenig Geld

Gewagte Gratwanderungen: Der Trompeter und Komponist Peter Schärli leitet seit 1994 ein Sextett, in dem so unterschiedliche Charaktere wie der Pianist Hans Feigenwinter und der Posaunist Glenn Ferris zu einer exemplarischen «unité de doctrine» gefunden haben.

Tom Gsteiger 

Solidarität und Loyalität sind für den Jazzmusiker Peter Schärli keine Fremdworte, so sieht er nicht ein, warum er langjährigen Weggefährten den Laufpass geben soll, um im Wettlauf um die spärlicher fliessenden Fördergelder besser dazustehen. Während die Kulturmanager ständig neue, trendige Projekte fordern, setzt Schärli ganz bewusst auf Kontinuität: In seinem seit 1994 bestehenden Special Sextet hat es einen einzigen Wechsel gegeben, als der amerikanische Waldhornist Tom Varner vor zwei Jahren (2004) vom Berner Saxofonisten Donat Fisch abgelöst wurde. Doch nicht nur deswegen tönt das dritte Album dieser Gruppe, «Hot Peace» (Enja, 2006), anders als die Vorgängeralben «Guilty» und «Blues for the Beast».

Neben sehnsuchtsvollen Melodien und wirkungsvoll arrangierten Power-Passagen gibt es auf dem neuen Album wieder mehr Platz für gewagte Exkurse auf dem schmalen Grat zwischen Form und Chaos. Schärli sagt, er habe sich eine Zeitlang von der Free-Szene ferngehalten, weil er nicht mehr mit Musikern spielen mochte, die ihr fehlendes Können hinter angeblicher Freiheit versteckten. In seinem Sextett hat der in Aarau wohnhafte Trompeter Musiker um sich geschart, die ihren Weg sowohl durch anspruchsvolle Strukturen als auch durch offenes Terrain finden. Der Posaunist Glenn Ferris, ein «American in Paris», verbindet in seinem enorm flüssigen Spiel Angriffigkeit und Geschmeidigkeit auf geradezu exemplarische Weise. Donat Fisch hat auf dem Tenorsax einen kernig-bärbeissigen und auf dem Altsax einen heiser-expressiven Sound entwickelt, in seinen Improvisationen wechselt er souverän zwischen Poesie und Rabatz. Dass Hans Feigenwinter zu den originellsten Pianisten weit und breit zählt, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Last but not least: Der Bassist Thomas Dürst und die Schlagzeugerin Béatrice Graf, die genau wissen, wann Zurückhaltung angebracht ist und wann es gilt, sich impulsiv ins Geschehen einzumischen.

Dass Schärli trotz allen Widrigkeiten an dieser Band festhält, hat einen Grund: «Meine Mitmusiker sind allesamt Querköpfe, die phantastisch spielen. Wir kommunizieren auch neben der Bühne offen und offensiv miteinander. Das drückt sich dann auch musikalisch aus.» Komponiert hat Schärli allerdings schon lange nicht mehr fürs Sextett, dafür fehlen ihm Zeit und Ruhe: Neben dem 2-tägigen Unterrichtspensum an der Jazzschule Luzern fallen für ihn pro Woche 10 bis 15 unbezahlte Büroarbeit an, um den ausufernden Papierkrieg mit Veranstaltern, der Pro Helvetia und anderen Förderungsinstitutionen zu bewältigen; daneben ist er in einigen Bands als Sideman aktiv (erb_gut, Orkester Ben Jeger, Thommi Meiers Root Down) und arbeitet relativ oft mit dem in Berlin lebenden Schweizer Komponisten Daniel Ott zusammen, der auf Echtzeit-Klanginstallationen spezialisiert ist. Obwohl er auch schon Zeitungen austragen musste, um sich über Wasser zu halten, will Peter Schärli nicht als Jammeri wahrgenommen werden; sein Kampfgeist ist nicht erloschen, so träumt er von einem Zusammenschluss aller Kulturschaffenden, um auf Bundesebene mit Nachdruck zu lobbyieren: «Sogar der Chüngelizüchterverein ist besser organisiert als wir.»