«Jede Note zählt»

Mit dem ECM-Album «Open, To Love» schuf Paul Bley 1972 einen Meilenstein des Klaviersolojazz. Der Kanadier zählt zu den grossen Originalen unter den Jazzpianisten.

Tom Gsteiger

Paul Bley kam 1932 im kanadischen Montréal auf die Welt. Dass er sich dieser Stadt, die er mit 18 Jahren verliess, um an der Julliard School in New York zu studieren, nach wie vor verbunden fühlt, war vorletzten Sommer deutlich zu spüren, als er vor und nach seinen Auftritten am Jazzfestival Montréal gemächlich durch die Häuserschluchten in Downtown flanierte und die lebensfrohe Atmosphäre in sich aufsog. In der anonymen Lobby des Hotels, in dem alle Musiker übernachteten, hielt er richtiggehend Hof: Entspannt plauderte er mit alten Bekannten, grosszügig gab er jüngeren Musikern Tipps mit auf den Weg. Der hünenhafte Bley ist ein kurzweiliger, amüsanter Gesprächspartner, der seine Weisheiten gerne in zugespitzter Form serviert.

Der Pianist Bley bezeichnet sich selbst als faul: «Das macht es mir leicht, nicht zu üben. Ich glaube sowieso nicht ans Üben. So wird man ganz spitz darauf, zu spielen. So zählt dann jede Note.» Wie es mit dieser angeblichen Faulheit zu vereinbaren sein soll, dass seine Diskografie mehr als 100 Alben umfasst, verrät uns Bley nicht. Sein Debüt, «Introducing Paul Bley», nahm der Kanadier 1953, also im Alter von 21 Jahren auf; begleitet wird er auf dieser Platte vom Schlagzeuger Art Blakey und von vom Bassisten Charles Mingus, der auch für die Produktion verantwortlich zeichnete. Das war kein schlechter Anfang, doch es sollte noch viel besser kommen.

Ornette & Carla

Ein Schlüsselerlebnis war für Bley Ende der 50er-Jahre die Begegnung mit dem nonkonformistischen Saxofonisten Ornette Coleman: «Er spielte ein paar Takte frei und ein paar Takte tonal. Klare Linien kontrastierte er mit verschmierten Linien. Er hatte keine Angst davor, das Schöne mit dem Hässlichen zu konfrontieren.» In den 60er-Jahren machte Bley eine Reihe bahnbrechender Klaviertrio-Aufnahmen: «Mein Ziel war es, den Ansatz von Coleman mit dem Interplay-Konzept von Bill Evans zu verbinden.» Dies ist ihm auf exemplarische Weise geglückt.

Ein wichtiger Katalysator für diesen in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzenden Emanzipationsprozess, dessen musikalische Resultate auch einen gewissen Keith Jarrett tief beeindruckten und beeinflussten, waren die extrem originellen, Haiku-haften Kompositionen von Bleys damaliger Ehefrau Carla Bley, die dieser in einem Jazzclub kennengelernt hatte, wo sie als Zigaretten-Girl arbeitete: «Sie wusste nicht so recht, ob sie malen, singen, tanzen, Gedichte schreiben oder komponieren sollte. Ich habe sie darin bestärkt, ihr kompositorisches Talent zu entwickeln. Sie sass dann den ganzen Tag am Klavier und hat stundenlang an ein, zwei Ideen herumgefeilt. Sie gab sich nie schnell zufrieden mit ihren Stücken.»

Carla Bleys Kompositionen wurden damals auch vom Trio des Klarinettisten Jimmy Giuffre aufgeführt. Obwohl diese Formation mit ihrem exzentrisch-subtilen Kammerjazz der Zeit weit voraus war und auch heute noch kontrovers beurteilt wird, meint Paul Bley: «Nach Ornette Coleman war die Zusammenarbeit mit Giuffre leicht für mich. Das Problem war, den richtigen Bassisten zu finden. Ich habe Steve Swallow ins Trio gebracht. Er ist unglaublich, man hat bei ihm das Gefühl, er könne die Ideen seiner Mitspieler vorausahnen. Giuffre hat sich sofort in ihn verliebt, alle verlieben sich sofort in Swallow, inklusive Carla.»

Nov. 2004

CD-Tipps
«Footloose» (Savoy; 1962/63) – epochale Klaviertrio-Einspielung
«Open, To Love» (ECM; 1972) – Bleys erste Solo-Aufnahme
«Fragments» (ECM; 1986) – brillant-unorthodoxes Quartett mit John Surman, Bill Frisell und Paul Motian
Bley/Peacock/Motian, «Not Two, Not One» (ECM; 1999) – drei weise Meister
Jimmy Giuffre Trio, «Emphasis & Flight, 1961» (Hat Hut) – packende Konzertmitschnitte